Editionskriterien

Der achtzehnte Alte

Leithandschrift
Ka1 Karlsruhe, Badische Landesbibliothek, Cod. St. Georgen 64
Kontrollhandschriften
Ka2 Karlsruhe, Landesbibliothek, Cod. Donaueschingen 241
Ka3 Karlsruhe, Landesbibliothek, Cod. Donaueschingen 242
St3 Stuttgart, Landesbibliothek, Cod. theol. et phil. 2° 144

Der achtzehnte Alte


1

| (141va) [1] Solt du hie wissen, waz der achzehender alte leret, was frúntschaft si und wie man goͤtlich frúntschaft gewinen sol und was gehorsam sin sol und von demuͤtikait.


2

[1] Soͤlten alle creaturen erwúnschen ainen usflusse von irem schepfer und von der ersten sache, alz si geschaffen und geschoͤpfet sind, uff daz aller best, so moͤhte kain vernunft noch sinne edelers usfliessen betrahten oder begriffen, alz der | (141vb) usgang ist, darus quellet alle wesenhait. [2] Und alz got im selber von ewekait alle creatur het angesehen ie und ie in siner ewigen almehtikait nach dem edelsten sin und ystekait, also het er ieglich creature geseczet in ir wessenhait nach dem aller besten. [3] Aber under allen creaturen het er den menschen gemachet zuͦ ainem herren úber alle ander creature, alz der erste alte in siner lere kurczklich wol beslossen het. [4] Aber ich achczehender alte wise dich, minnende sele, alz got in siner luter ystekait fúr alle creature den menschen het angesehen alz sinen aller liepsten frúnd, daz du ǒch got widerumb solt ansehen und bekennen alz dinen aller besten frúnd. [5] Won er het gesprochen in dem ewangelio: 'Ich hais úch nút kneht, won ain kneht enwais, was sin herre tuͦt. [6] Ich hais úch aber min frúnde, won alles, daz ich | (142ra) gehoͤret hon von minem vatter, daz hǒn ich úch geoffenet.' [7] Daz ist die aller hoͤhste und beste fruntschaft, die ieman erdenken kan, die got zuͦ úns het und ǒch wir zuͦ got hon súllent. [8] Won es sprichet Augustinus in ainer epistel: Ez mag ain mensche dez andern getrúwer frúnt nit sin noch werden, ob ir ainer under in der ewigen warhait viend ist. [9] Und Ambrosius sprichet in dem buͦch von den emptern: Der mensche mag ains ander menschen ganczer und rehter frúnt nit sin, wer sich brichet von goͤtlichem wolgevallen, der mag frúntschaft mit got nit hon. [10] Es mag zuͦ kainem menschen frúntschaft hon, der zuͦ got nút frúnschaft het, der den menschen gemachet het. [11] Won der zuͦ der creature frúntschaft het, der sol vil billicher zuͦ dem schoͤpfer frúntschaft hon, von dem die creature kumen ist und si gemachet het, sprichet Augustinus ze ainem roͤm| (142rb) ern.


3

[1] Daz aber du, minende sele, den guldin trǒne verdienen und besiczen múgest, lere ich dich, ahczender alte, goͤtlich frúntschaft volbringen. [2] Won es ist natúrlich, wer dir frúntschaft, frúntlich liebe und trúwe erzoͤget, du muͤssest dem ǒch wider holt sin und frúntschaft erbietten. [3] Won aber úns Jhesus Cristus die aller groͤsten frúntschaft erzoͤget het und ǒch noch ǎne underlǎs erzoͤget, so solt du, minende sele, von natúrlichem bant wegen im widerumb die aller groͤsten frúntschaft, die du gelaisten maht, bilich erzoͤgen fúr alle creaturen. [4] Augustinus redet davon úber Moyses buͦch wider den keczer Manicheum und sprichet: Wer begeren wil goͤtlichen willen wol und gancz erkennen, der flisse sich, daz er gottes frúnt ganczer sig. [5] Es mag ǒch nieman gottes frúnt werden, denn der von innen und ussen durchlútert ist in allen sinen sitten. [6] Frúntschaft ist ain | (142va) tugent, damit sich ain mensche dem andern zuͦtetig machet in herczen, in worten und in werken, und damit sich dem andern zuͦfuͤget in allem wandel und gelichet mit willen und gemainsamet mit aller habe und in vermúgen. [7] Won nun sich got úns zuͦfuͤget und ǒch gefrúndet het in allen sachen, die ieman erdenken kan, und ain mensche des andern frúnt ist umb ain zergenglich dinge, so solt du den billicher zuͦ ainem frúnd haben und nemen, ǎne den du nit maht leben und der aller lustigest ist ze frúntschaft ziehen, sprichet Augustinus an ainer predige.


4

[1] Du bist ain rehter frúnt gottes, sprichet Jeronimus zuͦ der jungfrǒwen Demetriades, wenne du allez daz wilt, daz got wil, und wenne dir daz missevallet, daz got wider ist. [2] Es múgent ǒch zwai menschen rehte frúntschaft zesamen nút laisten, wider die got vientschaft het, sprichet Crisostomus | (142vb) der guldin munt. [3] Rehte, stette und gancz frúntschaft sieht man an dem richen alz an den armen, den siechen alz den gesunden, den hohen alz den nidern und het kain underschaid zwúschent edlen und unedlen. [4] Won es sprichet Petrus Blesensis in dem buͦche von der frúntschaft, daz frúntschaft ist den richen ain vorgange, den armen ain nachhange, den wisen ain vatter lant, den kranken ain kraft, den siechen ain arcznúge, den súndern ain leben und ain begirlich suͤssekeit etlicher dinge, da gelichait des willen ist. [5] Gancz frúntschaft enspringet zwúschent den guͦtten und uͤbet sich stette nach dem besten und beslússet sich aller best in dem, da kain frúntschaft gevellen nút mag, und daz ist got selber.


5

[1] Haltest du gancz frúntschaft ze allermenglichem darumb, daz got din frúnt werd, so wil er sin frúntschaft von dir niemer keren. [2] Es sprichet | (143ra) Ambrosius in dem buͦch von den emptern: Der aller groͤste trost dis zites ist, daz du ainen gestanden und getrúwen frúnt habest, dem du din hercze entslússest, din haimlich offenest und alle din verborgen wise in lieb und in laid verjehen múgest, und dir ainen solichen stetten frúnt us erlesest, der sich in gelúgge mit dir froͤwe und in trúbsal mit dir trure und dir getrúlichen rǎt in allen sachen, waz dir ze tuͦn si. [3] Wa kanst du ainen frunt vinden, der die haimlichait dines herczen bas gewissen und erdenken kuͦnne noch dir al bas gehelfen und gerǎtten denne got alain. [4] Won wenne dich alle din frúnd land, si sient geboren oder gemachet frúnt, so stat noch denne alle din helfe an dem almehtigen got, ǎne den du kain guͦt leben volbringen nút enmaht. [5] Er ist dir gegenwúrtig an allen stetten; und wa du dich hin kerest, da ist er bi dir in wasser, in fúr, in ungewitter und in aller frai s. [6] 'In trost, in truren het | (143rb) er ain sehen uf dich', alz David sprichet in dem salter. [7] Won in der not so merket man den frúnde aller best und aller maist, sprichet Casiodorus in ainer epistel. [8] Und der ain rehter ganczer frúnt ist, der minnet got ǎne underlǎssen und schúhet kain arbait noch fraise noch liden und suͦchet weder nucze noch schacz. [9] Und also frúntschaft ie lenger wert, alz si ie sichrer ist, wes aller lengest gehuͤttet ist, daz ist aller sicherst und liebest. [10] Von dem sprichet Gregorius in ainer omelie von den zwelf botten: Wer zuͦ der wirdikait komet, daz er haisset ain frúnt gottes, der sol sich selber also scheczen, daz er solich gaben von got habe und nút von sinem aigem verdienen. [11] Tuͦt er daz nit, so vallet er in goͤtlich viendschaft und ungunst. [12] Ǎne gancz frúntschaft sind alle gedenken ain verdriessen, alle hainmuͦt ain ellend, alles leben ain sterben und aller untrǒst. [13] Der aber gancz frúntschaft | (143va) suͦchet an únserm herren Jhesu Cristo , der sol sich verwegen, daz er von diser welt vil vientschaft liden muͤs, sprichet Jeronimus in ainer omelie. [14] Won alz bald die sel verainet wirt mit dem wort gottes, alz bald werdent die inliget an vientschaft gekeret, die e frúnt warent nach der welt, und doch so hoͤret daz zuͦ aim volkumem leben. [15] Guͦt frúnd suͦchet man lang und vindet sú selten; und wenn man si ǒch vindet, so behebet man si kume, sprichet Jeronimus. [16] Und wa du ainen guͦtten frúnt vindest, den halt alz dich selber, won er ist halbtail diner sele und dines lebens. [17] Aber gemachet frúnd werent nit lenger, denn alz lange die gabe wert, darumb man sú gekuͦffet het, sprichet der und hillet mit im Ysidorus von dem hhsten guͦt. [18] Wer aber Jhesu Cristi frúnt wil werden, der vindet in bald und dike und sol | (143vb) in eweklich behalten, won er het úns kuͦffet umb den kostbaren schacz sines hailigen bluͦttes. [19] 'Und darumb son wir in tragen alz den besten frúnde in únsern herczen', sprichet Paulus in siner epistel ainer. [20] An steten frúnden solt du nit anders suͦchen denne ain widerlegunge ganczer frúntschaft; und da du die vindest, da beger nit zitliches guͦttes von in, beger ain getrúwen willen von in. [21] Und wa der wille gancze und gereht ist, da mag er kain guͦt vor dir verbergen noch dir kain trúwe verzihen. [22] Won núcz beweret gancz und gereht frúntschaft alz wol, alz da dich din frúnt ufenthalt nach aller diner begirde und notdurft, sprichet Augustinus in dem buͦch von der gab der volhertunge. [23] Und Jakobus sprichet | (144ra) in siner epistel ainer: 'Bewerunge der frúntschaft ist ain erbietung der werk.' [24] Darumb ist Jhesus Cristus únser aller frúnt, won er ist der aller groͤste werk erzoͤger gesin, die úns ieman erzoͤgen mag. [25] Erzoͤge im ǒch din vermúgent, so scheczet er dich fúr sinen grossen frúnt. [26] 'Won wer ainen guͦten frúnt vindet, der vindet ainen schacz', sprichet Salamon.


6

[1] Húte dich, minende sele, daz du niemans frúntschaft verlierest. [2] Und wa du got múgest ze frúnt gehon, daz ist din aller bester nucze. [3] Es sprichet Petrus Blesensis, daz man frúnd verlúret mit zorn, mit unstettekeit, mit argwon und mit vil unnúczen klaffen, und damit moͤhtest du got wol verlieren. [4] Woͤltest du in mit súnden erzúrnen, mit unstettekeit von im keren, mit argwon an in legen und mit | (144rb) unnúczen klaffen sin nit aht hǒn, so were din frúntschaft krank zuͦ im. [5] Es sprichet Dyogenes, daz z besserunge dines lebens gehoͤret, daz du solt han ainen guͦtten frúnde, der dich alle dinge lere, oder ainen viend, durch den du gecrúczget werdest. [6] Doch solt du ainen viend liep hon, der dir kainen schaden tuͤg, alz vast alz ainen frúnt, der dir kainen nucze schaffet. [7] Won es sprichet Thofrasies: Guͦt frúntschaft und frúnd, die du wol versuͦchet hest, die solt du gar liep hon, und viend solt du fliehen, wa du múgest. [8] Daz sprichet der und hillet mit im Seneca. [9] Und sprichet Seneca fúrbas alsus: Es ist dir ain gelúke, daz du dir alle menschen ze frúnd machest und daz du dich wol huͤtten kúnnest vor allen vienden. [10] Dir ist ǒch vil weger ain offenner viend denn ain verborgner frúnd, dez frúntschaft valsch ist, sprichet Crisostomus der guldin munt. [11] Doch so huͤtte dich vor in beiden, | (144va) daz ist dir notdurftig. [12] Mit dinen guͦtten frúnden solt du hon kurcz rede, die doch núcz und getrú si, sprichet Socrates. [13] Ain guͦt gancz frúnt ist besser denne golt oder silber und edel gestain. [14] Aber ain haimlicher viend ist vil schedelicher den kainerlaig gift, sprichet Boecius an dem buͦch von dem trost. [15] Diz alles von frúntschaft hon ich ahczender alte dich, minende sele, darumb geleret, daz du wissest, wie du got dir selber ze frúntschaft solt usserkiessen und erwellen vor allen dingen und wie du dich in zimlicher frúntschaft zuͦ dinem nehsten solt hon und sunderlich wie dich frúntschaft ze gehorsame vast gestúren múg. [16] Won Jhesus Cristus den het die gros frúntschaft, die er zuͦ allen menschen het, darzuͦ brǎht, daz er fúr úns gehorsam ist gesin bis in den tot, alz Paulus sprichet. [17] Und darumb, won úns gottes sun Jhesus Cristus ist an aller únser notdurf gehorsam gewessen, so wil ich dich nun leren | (144vb) gehorsam sin.


7

[1] Von der sprichet Gregorius in dem buͦch von den sitten: Gehorsami ist ain soͤliche tugent, die ander tugent dem gemuͤt in saͤiget und sú behuͤtet, und die dem glǒben alain verdienen und lone bringet und von nieman mag úberwunden werden. [2] Es sprichet ǒch Augustinus úber den salter, daz gehorsami in allen creaturen ist ain ursprung und ain volkumenheit aller gerehtekeit, ǎne die nieman goͤtlich frúntschaft noch minne verdienen mag noch kan. [3] Zuͦ rehter gehorsami, alz Bernhardus sprichet an ainer predige, gehoͤret ain reht werke, daz nit wider got si, ain willig werke, wen waz us notdurft geschiht, daz ist nút rehtú gehorsami. [4] Und gehoͤret ǒch zuͦ gehorsami ain luter werke, daz diner gehorsami mainunge guͦt sie in diner gehorsami, und ain beschaiden werke, daz du dich gancz opferest | (145ra) in gehorsami mit allem willen. [5] Es gehoͤret zuͦ gehorsami ain stettes werke, daz du von der gehorsami niemer entwichest, won volherten in guͦtten werken beslússet alle volkomenhait. [6] Gehorsam got sin und dem menschen durch gottes willen ist alz vil besser, alz vil die ungehorsami boͤsse was, die die ersten zway menschen brachen in dem paradise wider goͤtlich gebot. [7] Won es sprichet Augustinus in dem buͦch von der stat gottes, daz gehorsami ist ain muͦtter und ain huͤtterin aller tugent. [8] Jhesus Cristus was gehorsam siner lieben muͦtter und Josephen in siner jugent und was ǒch gehorsam sinem ewigen vatter bis in den tod durch des willen, daz er úns lerte gehorsami volbringen, und wolt sin leben fúr úns geben darumb, daz er die gehorsami sines vatters út verlúr, sprichet Bernhardus.


8

[1] Úns leret ǒch Be| (145rb) rnhardus in ainer predige vil grede rehter gehorsam e. [2] Der erste ist, daz wir gehorsam sond sin darumb, daz wir únsern aigen willen toͤten und wellen únsern willen geben in únser obresten willen. [3] Won ist got geneme von dem menschen ain froͤmde opfer, so ist im vil me genemer und werder daz opfer dez aigen willen, daz dem menschen aller nehest liget an. [4] Der ander grade ist ainvalteklichen und slehteklichen gehorsam sin, ǎne frage, ǎne murmelen, ǎne frevel, ǎne entschuldigen, ǎne widerspenikeit. [5] Der dritte grade ist froͤlichen gehorsame erzoͤgen mit wolgemuͦtem antlút, mit suͤssen worten, mit frúntlichem zuͦsprechen und mit zuͦtetigem wandel und werken. [6] Der vierd grade ist behende und snelle gehorsam sin, sich nút entschuldigen und nit verziehen mit ufslahen, nút uf ain ander mensch stossen noch den prelaten fúrkomen mit sinem gebett | (145va) ǎne erzaigung der werke; ǒgen, oren, munde, hende und fuͤsse und alle ander gelider schiken zuͦ ainer snellekeit. [7] Der fúnft grade ist keklich und sterklich und vesteklich gehorsame volbringen. [8] Und la dich weder wort noch sorge erschreken, noch truͤbsal noch fraͤvel ab wisen, noch súnde noch anvehtung des boͤssen gaistes irren, noch kainen gruse noch widerwertekeit verkeren, du sprechest ǎne underlǎs in gehorsami: 'Ich bin berait und bin nút betruͤbet gehorsam ze gesin'. [9] Der sehst grad ist demuͤteklich gehorsam sin. [10] 'Won Jhesus Cristus het sich in gehorsami gedemuͤteget bis in den tod', sprichet Paulus. [11] Es mag ǒch gehorsami ǎne demuͤt nút beston, won hohffertige wisse zerstoͤret gehorsami. [12] Der súbent grade ist volherten volherten und volharren in gehorsami. [13] 'Won der volharret bis an daz ende, der wirt behalten', sprichet únser herre in dem ewa| (145vb) ngelio. [14] Den aber gehorsami widerwertig ist, den ist swere davon ze reden und ze hoͤren, noch swerer ze erfúllen, noch aller swerest ze behalten. [15] Dis sprichet alles Bernhardus an der vorgenanten predige.


9

[1] Billich ist gehorsami ze ruͤmen, won es stat von ir geschriben in der alte vatter buͦch, daz si ist ain hail aller glǒbhaftiger menschen, ain gebererin aller tugent. [2] Sú entschlússet den himel und erhebt den menschen von dem ertrich und ist ain biwonerin der engeln und ain spise aller hailigen. [3] Der sinne ist gar vil, die die alt vaͤtter geuͤbet habent in grossen zaichen, alz wir lesen in der alte vatter buͤchern mit mengerlaige zaichen. [4] Und alle, die iren willen gewendent in gehorsami, striten ǎne underlǎss wider den boͤssen gaist, anders ir lon ist unver| (146ra) fangen. [5] Es sprichet Gregorius von den sitten, daz du nút gehorsam solt sin von knehtlicher forhte, aber von begirlicher minne, und nút von vorht der buͦs, me von liebe der gerehtikeit. [6] Es was ǒch gehorsami in der alten vetter gemuͤte ain als kostbar schacze, das sú vil zaichen und wunder teͣten in gehorsami, alz Bevercus schribet in der alten vatter buͦch, also daz si mit trukenen fuͤssen giengent úber wasser und úber beͣche in gehorsami und in haiss offen giengent ǎne allen schaden und gar vil ander wunder begiengent in gehorsami.


10

[1] Wisse ǒch, wa gefangner und gebundener und undertaner wille ist in allen sachen, da ist die gehorsami gancz und gerehte. [2] Wa aber der mensche us aigem willen muͦtwilleklich und lideklichen wúrken wil, da ist die gehorsami betrogen, es gesche| (146rb) he denn in ainer ledigen frihait gottes. [3] Davon sprichet Bernhardus in dem buͦch von den gebotten: Es ist vil besser got gehorsam sin denn dem menschen, und under den menschen sol man billicher und fúrbasser gehorsam sin den maistern und den gelerten denn den jungen und den ungelerten. [4] Man sol ǒch gerner gehorsam sin den erkanten denn den unerkanten und den froͤmden, sunderlich dem man von rehtes wegen gehorsam ist. [5] Da ist ain gros hinderunge gottes. [6] Volkumen gehorsami waisz kain gesecze und het kain ende noch zil und hoͤret niemer uf und lǎt sich in kain engi zwingen noch zil. [7] Si ist milt in willen und wite in minnen. [8] Und allez, daz man gebúttet, da ist si mit aller kraft snelle zuͦ und ahtet kainer masse niht und erbúttet sich zuͦ allen gebotten frilich. [9] Si verzúhet nút, daz man gebúttet. [10] Mit ǒgen, mit oren, mit zungen, | (146va) mit hende, mit fuͤssen und mit allem libe schiket si sich von ussen und von innen darzuͦ, wie si des gebieters gebotte volbringe. [11] Es enruͦchet der gehorsami mensche ǒch nút, waz man im gebúttet, allain flisset er sich, wie er daz gebotte volbring. [12] Daz aller beste in allen sitten ist, daz man den obren nit wider streben sol und sinen ebenmenschen nit hassen sol und úber den undern nút hoffart erzaͤigen, den prelaten gehorsam sin, den eben menschen gesellig und zuͦtetig sin, den undren sin nit unmitlidig, got andehtig, den lerern underton, den alten gehorsam, den jungen gevolgig und lerlich, den engeln wolgevellig, in worten núcz, in herczen demuͤtig und in allem leben tugenhaft und guͤtig. [13] Wer die lere alle volbringet, der ist ain rehter, gehorsamer, volkumner mensch. [14] Dis alles schribet Bernhardus manigvalteklich in sinen buͦchen.


11

[1] En| (146vb) pfahest du aber die gehorsami scharpfe und hertte, die doch an ihr selber suͤsse und lihte ist, und wilt du dinen prelaten urtailen und nút dich selber scheczen, wer du bist oder siest, und murmlen in dinem herczen wider daz gebot des obersten, wie wol du denne die gehorsami von ussen volbringest, so ist es nút ain tugenthaft werke, es ist aber ain verborgnú, verdahte untugent, daz wisse von mir. [2] Won es sprichet Cassiodorus in dem buͦch von den alt vaͤttern, daz der boͤsse gaist mit kainer untugent ainen gaistlichen menschen belder zuͦ im gefuͤren mag denne mit sumen und mit frevel, der gehorsame widrig ist, der sich doch zuͦ gehorsami verbunden het. [3] Und darumb sprichet Ambrosius úber sant Lucas ewangelium: Du mensch, du solt lernen, wie du got gehorsam sigest und ǒch dem menschen durch gottes willen, und nút tuͦn us din selbes walunge, daz du wilt, sunder | (147ra) so wúrke wol, damit du waist got wol ze gevallen.


12

[1] Wisse ǒch, daz etliche dinge sind ital guͦt, und die bedarf man nit gebieten, daz man in gehorsam si. [2] Etliche ding sind itel boͤs, die sol man nit bi gehorsami verbieten, won man sol sú ǎne daz varen lon. [3] Etliche ding sind weder boͤsse noch guͦt, die nach zit und nach stat und nach stund und nach person ze gebieten sind gehorsam ze sin, und da sol ain prelat in sehen, waz sich da fuͤget ze tuͦn oder ze lǒn. [4] Hútent sich ǒch die undertǒn, daz si kainem gebotte gehorsam sient, die wider got sient und wider ir selen hail und daz sú nút me undertenig sient, den sich fuͤg darumb, daz si út vallen in untugent mit irem obresten. [5] Dich sol ǒch kain gebotte gehorsame noͤten, won solich gebotte ist ain ungehorsami me den ain gehorsami, der es volbrehte. [6] Dis sprichet Bernhardus und hillet mit im Gregorius. [7] Und die maister in goͤtlicher kunst haltent, daz prela| (147rb) ten und obresten vil me und groͤsselicher súndent, wenne si nit volbringent, daz iren emptern zuͦ gehoͤret, denne die undertǒn tuͤgent, wenne si ungehorsam sind. [8] Won ain oberster sol sin undertǒn leren guͦt, goͤttelich wissung und sol in ain hailig und selig bilde vortragen und sol in an ir notdurft ze statten und ze hilfe kumen, alz vil er mag. [9] Er sol ǒch sin undertǒn straffen umb ir missetat, und gewonhait und ordenung sol er halten und nút lon zergǒn und sol ainen geluste han in búrden und in arbait ze tragen und nút in eren ze halten. [10] Wenne aber er der dinge aller nit ain benuͤgen ist, so ist er nút ain núczer prelate sinen undertǒn, won wenn dem menschen daz hǒpt we tuͦt, daz ist vil schedlicher, denne wer im an andren sinen gelidern we. [11] Daz sprechent die reht buͦch. [12] Es were ǒch schedlicher, daz die sunne von dem himel viele, denne daz ain sterne von dem himel viel. [13] Aber die undertǒn súllent ain sehen hǒn zuͦ dem si sich verbunden hond in gehorsame, | (147va) daz si dabi belibent. [14] Won es sprichet Augustinus in dem buͦch von der bihte: Ain reht gehorsam mensche sol mer sehen, was man im gebúttet, denne er sehen súlle an die ergerlichen werke sines prelaten.


13

[1] Anshelmus in dem buͦch von der gelichunge leret úns also gehorsam sin. [2] Etlich prelaten, die gebietent guͦttú ding, und den ist man gehorsam, alz da man tugent gebúttet ze tuͦnde und man die ǒch volbringet. [3] Etlich prelaten gebietent boͤsse ding, und den ist man boͤschlich gehorsam, alz da man gebúttet untugent ze tuͦn und die der undertǒn folfuͤret. [4] Etlich prelaten gebietent guͦte ding, und den ist man beschaidenlich und boschlich gehorsam, alz da man tugent gebútet und man doch der tugent weder volgen wil noch uͤben. [5] Etlich prelaten gebietent in untugent, den man doch tu| (147vb) genlich gehorsam ist, alz da ain prelate in zorn oder in unwirtschait oder in rǎch oder in nide oder hasse gebúttet, und doch der undertǒn willig darzuͦ ist, der verdienet lǒn, aber sin prelate súndet mit soͤlichem unzimlichem gebietten.


14

[1] Bernhardus sprichet: Húte dich vor ungehorsami, an ainer predige, won von ungehorsami wurdent die engel verstossen vom himel, Adem vertriben us dem paradisse, Saul von sinem kúngrich und Salomon von goͤtlicher minne, also moͤhte dir von ungehorsame wegen goͤtlich gnad und ain selig guͦt leben genomen und berobet werden. [2] Es mag únser lip der sele, noch untugent der beschaidenhait nit gehorsam noch underton sin, wenne únser gemuͤte got nit gehorsam ist. [3] Aber doch so werdent uns alle ding undertǒn und gehorsam, wenne wir got gehorsam sin, der | (148ra) alle ding durch únsern willen gemachet und geschaffen hǎt darumb, daz sú úns gehorsam sien, sprichet Ysiderus von dem hoͤhsten gut. [4] Lerne wol gehorsam sin got und dem menschen, so gewinnest du ain guͦt selig leben.


15

[1] Goͤtlich frúntschaft und reht gehorsame maht du, minnende sel, nút wol gehon ǎne demuͤtekeit, und darumb so lere ich dich achczehender alte demuͤtekeit halten, alz únser herre Jhesus Cristus geleret het in dem ewangelio, da er sprichet: 'Lernent von mir, daz ich bin ains milten und demuͤttigen herczen.' [2] Es sprichet och únsers herren Jhesu Cristi liebe muͦter Maria: 'Got het an gesehen die demuͤtekeit siner dienerin und het erhoͤret die demuͤtigen.' [3] Es sprechent sant Petrus und sant Jakobus in iren episteln: 'Got git nieman gnad den den demuͤtigen menschen und die erhoͤhet er fúr ander menschen alz sin | (148rb) aller liepsten frúnden.' [4] Got het im selber die tugent demuͤtekait also userwelt und erkorn, daz er sinen aingebornen sun Jhesum Cristum in únser nature demuͤtigen wolt, alz sant Paulus sprichet, und wolt von ainer demuͤtigen muͦtter geborn werden darumb, daz er úns alle raiczete zuͦ demuͤtikeit. [5] Demuͤtikeit ist ain soliche tugent, mit der die krafthait dez gemuͦtes gedenket, daz sich der mensche kaines dinges úbernemen sol noch beheren, wonin demuͦt so erkennet sich der mensche, daz er sich selber núcz scheczen sol und vernihten in allem sinem leben. [6] Won mit demuͦt so kumet man in die hoͤhe dez himelriches und fuͤget sich der mensch da mit got aller nehste, sprichet der stifter des hailigen gaist und hillet mit im Augustinus und Bernhardus. [7] 'Got sieht an demuͤtikeit in himelrich und uf ertrich', sprichet David in dem salter. | (148va) [8] Es mag mit núttú sich in únser selan kain tugent entsprossen, si sient denn vorhin gewúrczelt in demútikeit. [9] Únser herre von rehter demuͤtikeit naigt sich uf dis ellend. [10] Won rehte demuͤtekeit ist, daz der mensche klain scheczung hab von im selben und daz er andern lúten guͤtet ruͦme ane nid und ane hass, sprichet Gregorius úber Ezechiels wissagung und hillet mit im Cassiodorus in dem buͦch von dem gaist der hoffart. [11] Demuͤtikeit ist alaine ain behuͤtterin und behalterin ander tugent, und ist núcze, daz dich got alz gemain und wert machet und den lúten zuͦtetig, alz daz du in dem verdienten leben dich ze grund aus demuͤtegest. [12] Wan alz man in den appateggen honig nuczet ze aller hande specerie, also wirt in suͤsser demuͤtekeit geordenet aller hand tugent nach goͤtlichem wolgevallen, sprichet Jeronimus úber sant Matheus ewangelium und hillet mit im Hugo von sant Victor in dem buͦch von dem | (148vb) clǒster der sele.


16

[1] Wilt du aber ain volkumen demútig mensche sin, so merke wol, was dich Basilius leret in siner buͤcher ainem: Du solt gewúrczelt sin in ainen stetten underwurfe ze allen menschen und solt erkennen din aigen krankhait und alle din gebresten und solt wol prúefen und merken, waz in allen dingen daz aller beste sie, und dem volgen, so maht du bi aller demuͤtekeit wol beston. [2] Aber ain gerehter, demuͤtiger, volkumer mensche sol die sechs aigenschaft an im hǒn. [3] Aine, daz er undertǒn sol sin sinem obresten und sich gegen sinem eben menschen nút úberneme. [4] Die ander aigenschaft, so sol er underwúrffig sin sinem ebenmenschen und sich úber sin undertǒn nit erheben noch beheren. [5] Die dritte, er sol dem minrren under im undertenig sin und sich dez nút besmahen, | (149ra) alz Jhesus Cristus tet sant Johanssen in den tuͦffe und ǒch do er sinen jungern ir fuͤsse wuͦsche. [6] Die vierd aigenschaft ist, daz er sich aller súnde und boͤsser werke schemen sol und endlich darnach stellen, wie er si mit arbait von im tribe und abwesche. [7] Die fúnfte ist, daz er mit andehtigem gemuͤte volkumenlich vor got und vor allen menschen demútigen wandel erzoͤge in alle wise. [8] Die sechst aigenschaft ist, daz er mit aller gedult sol wol gewaffent sin wider alle widerwertikait. [9] Und die aigenschaft sind alle notdúrftig dem demútigen menschen und mag ǎne si nieman demútikeit volbringen.


17

[1] Davon sprichet Ysiderus in dem buͦch von dem hoͤhsten guͦt: Du solt dich selber klain scheczen in dinen ǒgen, so scheczet dich got grǒs in sinen ǒgen. [2] Won alz vil mer bist du bi got kostber ge| (149rb) ahtet, alz vil du me dich bi dir selber vernihtest. [3] Es sach der hailig vatter Anthonius, alz geschriben stat in der vatter buͦch, das die boͤssen gaist alle dis welt und dis ertrich mit striken und neczen úberleget hetten, damit si alle menschen vahen wolten. [4] Und sprach Anthonius zuͦ únserm herren got: 'Wer mag den striken allen entrinen?' [5] Und do antwurtet im únser herre got: 'Daz mag nieman tuͦn denne ain demuͤtiger mensche.' [6] Won alz der boͤsse gaist viel von got mit hoffart, also entrinet mit demuͦt ain ieglicher mensch aller untugent.


18

[1] Sant Anshelmus leret sehs grede der demuͤtkeit in dem buͦch der gelichnúste. [2] Der erste ist, daz der mensch sich erkenne und an sehen sol, alz were er der aller nidrest und unendelichest under allen menschen, und sol sich unwirdig dunken aller creaturen ze niessend und ze bruchend. [3] Der ander | (149va) grade ist, daz im lieb sol sin, daz in aller menglich ǒch also schecze. [4] Der dritte grade ist, daz er alz gedultig sol sin in aller widerwertekeit, daz er im allez liden fúr ainen trǒst scheczen sol. [5] Der vierd grade ist, daz er in allen sachen got und allen sinen gebotten sol gehorsam sin und sinem nehsten durch gottes willen sol undertenig sin. [6] Der fúnft grade ist, alz er gesúndet het, alz bald sol er bihten und sich der súnd schaͤmen. [7] Der sehst grade ist goͤtliche minne hǒn, und wenne úns got buͤsset umb únser súnde, daz wir buͦse in minne enpfahen súllent. [8] Der die grade uf klimet, der ist ain demútig mensche.


19

[1] Davon sprichet Bernhardus in ainer siner epistel: Grabe in dich ain fundament ainer demuͤtikeit, so kumest du in die hoͤhe der minne. [2] Und wilt du die hoͤhe gottez erlangen und besiczen, so solt du voran die tieffen | (149vb) demuͤtikeit Jhesu Cristi begriffen und hǎn und bi ir beliben. [3] Wen du dich demútigest, so sich daz zaichen an, daz dir alle zit die gnad gottes nehert. [4] Won etlich demútigent sich mit widerspenekeit, und die sind schuldig. [5] Etlich demútigent sich mit gedult, und die sind unschuldig in irem grunt. [6] Die ander demútigent sich mit willen und mit flisse, und die sind die gerehten und die aller besten demuͤtigen. [7] Won es sprichet Bernhardus úber der minne buͦch, daz alle guͦte werke verderbent, die demuͤtig wise nit verwarnet und mit demuͦt nit behuͦt werdent. [8] Der ist ain rehter demuͤtiger mensche, der kain boshait haltet noch beschirmet. [9] Und wer sich demuͤtikeit nit flisset ze halten und alle die guͦten werke, die er wúrket, die sind verlorn. [10] Won alz hoffart ist ain zaichen der ewigen verdamnúst, also | (150ra) ist demuͤtikeit ain zaichen der ewigen behaltunge, sprichet Augustinus von den worten únsers herren an ainer predige. [11] Der ist ain demuͤtiger mensche, der sich in im selber zemal vernihtet, aber noch me demuͤtiger, der ander lúten smachait gedulteklich lidet. [12] Aber der ist der aller demuͤtigest, der alle zit ǎne underlassen begert vil gesmehet werden, und ie me, ie me er sin begert. [13] Und daz gehoͤret zuͦ ainem volkumen leben, sprichet Richardus in dem buͦch von den versmehten troͤmen.


20

[1] Demuͤtikeit sol an allen stetten sin in grǒsser huͦte. [2] Uf velde sol si hon vorhtsam ǒgen, in welden schemige ǒren, in tag behuͦten wandel, in nahte fúrsichtig wisunge und under den lúten guͦt bilde. [3] Dis bringet alles ain guͦt leben. [4] Davon sprichet Valerius, der bischǒf, in ainer predige: Demútikeit ist in armuͦt dankber, in richtuͦm messig, | (150rb) under den frúnden zuͦtetig, in versmehter wise muͤssig, in gelúke unverwandlet und schemet sich nút ze dienen noch achtet nút smachait und dunket sich alles lobes unwirdig. [5] Es sprichet Cassiodorus úber den salter: Mit demuͤtikeit wirt der boͤsse gaist vertriben, hoffart zerstoͤret und alle wuͤtrich úberwunden. [6] Die seligen menschen nement von demuͦt zuͦ, die marterer werdent damit gekroͤnet und mag nieman in sinem leben volkumen gescheczet werden, der diser tugent nút enhet.


21

[1] Wie maht du, minende sel, bas den guldin trǒne kroͤnen, du volgest mir achczehender alten denne goͤtlich frúntschaft und gehorsame und demuͤtikeit ze volbringen, alz ich dich geleret hon?


Zitierhinweis

Der achtzehnte Alte. In: Otto von Passau digital, hg. im Auftrag der Berlin-Brandenburgischen Akademie der Wissenschaften von Lydia Wegener, Elke Zinsmeister, Jens Haustein und Martin Schubert (2018-2022). Berlin. 03.03.2023

URL: https://otto-von-passau.de/chapter-detail.html?id=O8713598. Abgerufen am: 20.04.2024.