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Der einundzwanzigste Alte

Leithandschrift
Ka1 Karlsruhe, Badische Landesbibliothek, Cod. St. Georgen 64
Kontrollhandschriften
Ka2 Karlsruhe, Landesbibliothek, Cod. Donaueschingen 241
Ka3 Karlsruhe, Landesbibliothek, Cod. Donaueschingen 242
St3 Stuttgart, Landesbibliothek, Cod. theol. et phil. 2° 144

Der einundzwanzigste Alte


1

[1] Der ain und zwainczigest alte leret, waz verdienen sie und wie úns Jhesus Cristus in allem sinem leben verdienet het und wie wir verdienen súllent und waz wir verdienent.


2

[1] Unser lieber herre Jhesus Cristus het gesprochen in dem hailigen ewan| (182rb) gelio: 'Ruͤffe den arbaitern und gib in iren lone, den si verdienet hǎnt.' [2] Ewigen lone verdienen mit zitlichen werken, die doch zehant vergǎnd, daz ist vil groͤsser, denne ieman gescheczen kan. [3] Won es sprichet Crisostomus der guldin munt in ainer omelie: Waz du wúrkest, daz ist noch minder und alles din verdienen ist lúczel und kurcz und ǒch zemal wenig ze scheczen wider die goͤtlichen widerlegung. [4] Zele ǒch alle din g uͦtete, ob du kúnnest und múgest, und bruͤfe da wider dinen ewigen lǒn und verdienen, so ist es zemal ungelich. [5] Were ǒch, daz du alle din tag in goͤtlichem lobe und dankberkait verzeret hettest, daz were alles núcz ze scheczen wider den ewigen lone und verdienen, daz dir darumb widerleit wirt. [6] Es sprichet ǒch die ewig wishait, unser herre Jhesus Cristus in dem ewangelio: 'Umb alles únser verdienen, es si klain oder grǒsse, wirt uns gegeben hundertvaͤltiger lone und | (182va) ǒch daz ewig leben.'


3

[1] Was dich, minende sele, die zwainczig alten, min gesellen, vor mir geleret hond mit gar guͦtem flisse, mit goͤtlicher fúrsihtekeit, daz gat alles in goͤtliches lobe und diner sele nucze. [2] Aber ich ain und zwainczigoster alte wil dich, minende sele, nun fúrbas leren und wisen gar kúnstenriche, was verdienen sie, und wamit du verdienest, daz du ewigen lon verdienen maht in allen dinen verdienten werken, wan alz únser guͦt wúrken in disem zit ist daruf gestellet und belibet ǒch eweklich daby; und ordenet sich alles umb got, der úns daz selbe geleret het durch sinen aingebornen sune Jhesum Cristum und durch sin propheten und hailig lerer. [3] Und darumb, volgest du mir ain und zwainczigosten alten, so werdent alle dinne werke verdienig und lǒnber und got geneme und wert von dir in der ewigen widerlegunge. [4] Es sprichet ǒch Bernhardus in dem buͦch von dem frigen willen: | (182vb) Únser verdienen ist ain sǒme aller únser zuͦversicht, ist ain funke in der minne, ist ain haimliche wisunge, daz wir ze got versehen sind, ist úns ain bekenunge der kúnftigen selekeit, ist uns ain wege in die ewekait und ist úns ain sache mit got eweklich ze richsende. [5] Es sprichet Cassidorus in sin buͦcher ainem: Wer nun der aller erst ist an lǒne verdienen in ordenunge und an aller wirdekeit, der ist ǒch fúrnemeklich ze lobende und ze ruͦmen an allem verdienen, daz an ewigen lone geraichen mag. [6] Und darumb, won úns Jhesus Cristus mit siner hailigen menschait verdienet het, daz úns alle únser guͦten werke in im und durch in fúrbas verdienig sind und lǒnber und sinem ewigen vatter von úns werd und dankber sind, so ist er ain anfange und ursach alles únsers verdienens alz ain beginnen goͤtlicher gnaden.


4

[1] Aber únser friger | (183ra) wille ist alz ain empfaͤhig materie, won es sprichet Augustinus von dem frigen willen: Got ist alain ain stifter únsers verdienens, won er únsern willen fuͦget ze guͦten werken und guͦtte werke fuͤget ze dem willen mit sinen gnaden, und daz machet verdienen. [2] Daz sprichet der. [3] Gottes sun Jhesus Cristus als ain weger und nút alz ain begriffer und doch als got und mensche ist ursache alles únsers verdienens, von dem zit, alz er enpfangen wart in menschelich nature, bis er erstarb an dem frone crúcze und nit lenger, und verdienet úns úberflússige minne und úbertreffende volkumen tugend, daz úns fúrbas alle únsere guͦten werke soͤlten sin ain abnemen aller pene und ain verdienen und lone dez ewigen lebens, alz alle maister sprechent in goͤtlicher kunst. [4] Es sprichet Bernhardus in ainer bredige, daz alle únser verdienen sind gaba, die got git, und dar| (183rb) umb ist der mensche von verdienen got vil groͤsser schuldener, denen im got sig widerlegung schuldig, darumb daz er es e het von goͤtlichen gnaden, e er werd ain verdienner. [5] Daz sprichet der und hillet mit im Hugo in dem buͦch von der arche Noe.


5

[1] Wilt aber du, minende sel, wissen, wavon alles únser verdienen kumet, so sih an únsern herren Jhesum Cristum, der von sinem ewigen vatter darumb in dis welt gesant ist alz ain weger in dem wege der warhait, der úns wissen wolt mit sinem unschuldigen scharpfen liden in alles daz verdienen, daz úns ewigen lone und fruͦhte goͤtliches niessens bringen moͤhte. [2] Won von sinem verdienen und ǒch von den gnaden sines ewigen vatters durch kraft des hailigen gaistes, ǎne die nieman verdienen kan noch mag fruͦhtbere werke, alz úns got zuͦgeordenet het durch sines | (183va) sunes Jhesu Cristi liden, davon sprichet Ambrosius úber sant Lucas ewangelium: [3] O du suͤsser herre Jhesus Cristus, du klagest nit din wunden, aber du klagest únsern smerczen. [4] Du klagest nit dinen tode, aber du klagest únser krankhait. [5] Und darumb so hest du úns verdienet mit dinem scharpfen tode, daz wir verdienen múgent ledeklichen, frilich und sicherlich mit únsern guͦten werken daz ewig leben. [6] Es sprichet ǒch Hugo von sant Victor in dem buͦche von den súben hailigkaiten: Ain got ist din schepfer und din erloͤser worden mit dem, daz er dich geschaffen het. [7] So het er dir wesenhait geben mit dem, daz er dich erloͤset het. [8] So het er dir selekeit zuͦgefuͤget, und daz er din schepfer und erloͤser worden ist. [9] So wolt er mit in beiden din minne umb dich kuͦffen, daz du in liep hettest úber alle ding, und wolt sin liden darin verbinden darumb, | (183vb) daz du rdest ain rehter verdienner. [10] Daz sprichet der. [11] Jhesus Cristus het úns alles únser verdienen lustig und fruͦhtber gemachet mit allem dem liden, daz er in klain oder in grǒs in aller siner menschait gelitten het uswendig und inwendig, in beruͤrunge hende und fuͤssen, die mit nageln durchgraben wurden, in gehoͤrde mengerlayge boͤser, schemelicher und versmehter worten, in smakunge mit unsuber spaichel, die im in sine antlút geworffen wurden, in gussen gallem und essiches bitter trankes, in gesieht mit vil haisser traͤhen vergiessen, in herczen mit angstlicher vorhte und grosser, in siner sele, die betrúbet waz bis in den tod. [12] Er het úns únser verdienen stette und sicher gemachet mit sinem hungern und durste, mit hicze, mit kelte, mit arbait und muͤde, mit ellend, mit mangel. [13] Und darumb so sprichet Bernhardus in ainer bredige úber der minne buͦche: O du | (184ra) suͤsser Jhesus, wie hest du als gar frúntlichen und suͤsseklichen under den menschen gewandlet mit úberflússeger vil und grosser guͤtte, die du den menschen vermiltet und verlúhen hest in dinem bittern und scharpfen liden. [14] Ich wais wol, daz alles min verdienen unverfangen were, denne daz du mir es fruhtber gemachet hest, mit dinem grǒssen smerczen. [15] Es sprichet ǒch Gregorius in ainer omilie: Alz vil me mag der mensche groͤslicher lone verdienen, alz vil me únser herre Jhesus Cristus groͤslicher durch des menschen willen gelitten het. [16] Daz sprichet der.


6

[1] Únser lieber herre Jhesus Cristus het zuͦ sechs malen sin bluͦt vergossen in verdienen fúr úns. [2] Ains in siner beschnidung, damit er úns verdienet abweschung der erbe súnde. [3] Daz ander in angst bluͦte swiczen, damit er úns verdienet únsers gemútes gelúgke. [4] Daz dritte in der gaislung, damit er úns | (184rb) verdienet gedultig kestegunge únsers libes. [5] Daz vierd in der kroͤnunge, damit er úns verdienet zitlich kroͤnung únser selan in allen tugenden. [6] Daz fúnft in der crúczegunge, darinne im hende und fuͤsse durchgraben wurden und alle sine gelider durchkracheten und arme und bain zerspannen. [7] Damit verdienet er úns, daz alle únser gelider fúrbas súllen sin dem verdienen, daz wir bejagen in allen sinen gebotten. [8] Daz sechst bluͦtvergiessen was nach sinem ersterben in der offenunge sines herczen mit dem sper, damit zemǎle herus flǒs bluͦt und wasser, damit er úns verdienet mit dem totten bluͦt offenung únsers herczen zuͦ aller goͤtlicher minne ze empfahende. [9] Mit dem wasser verdienet er úns rainekait des gemuͤtes und der consciencie in aller luterkait. [10] Dis bluͦtvergiessen laid únser | (184va) herre Jhesus Cristus in únserm verdienen, und wart doch darumb die gothait von siner zarten menschait nút gesúndert noch getailet. [11] Von dem sprichet Leo der babest in ainer bredige von der vasten: Daz bluͦt vergiessen des gerehten menschen Jhesu Cristi, daz er vergossen het durch des ungerehten menschen willen, ist alz kosstber und alz kreftig in allem verdienen, were alle dise welt gevangen in striken und banden der ewigen verdampnúst, hetten si glǒben und zuͦversiht zuͦ únsers herren Jhesu Cristi bluͦt, si wurdent davon entlediget. [12] Dem gelich sprichet Origenes úber Josue buͦch und úber Paulus epistel zuͦ den roͤmern: Die kraft des hailigen bluͦtes únsers herren Jhesu Cristi ist alz mehtig und stark, daz es nút alain gesunthait und aͤrcznige bringet den vergangnen, gegenwúrtigen, kúnftigen menschen nach verdiene n, es ist ǒch ain | (184vb) benuͤgen allem himelschen here. [13] Und wer es och fúr sin ǒgen spannet und in sinem herczen mit ernst betrahtet, dem empfuͤret und vertribet es boͤse gelúste und bekorunge, zorn und widerwertekeit, nide und hasse und vertribet von im súnde und flaischlich begirde. [14] Daz sprichet der. [15] Daz úns alle únserú guͦten werke lonber sind, daz het úns verdienet daz edel bluͦt vergiessen únsers herren Jhesu Cristi, alz alle únser lerer sprechent.


7

[1] Lege ǒch sunderlich in din hercze, daz úns únser herre Jhesus Cristus verdienet het in sinem angstlichen liden in der zartesten und adellichesten nature, die mensche ie gewan, in der aller grsten unschulde und gedulte, die ie gehoͤret wart, in der groͤsten ere und wirdekait, die ie vernumen wart, won er gottes | (185ra) sune was, in der aller groͤsten versmehte und spǒtt, die ie gesehen und erkennet wart. [2] Waz er úns damit verdienet hǎt, daz ist úber alle menscheliche sinne ze scheczen. [3] Won es sprichet Bernhardus an ainer bredige úber der minne buͦch: O min lieber here und got, Jhesu Cristus, wie hest du mir alz lobelichen und frúntlich mit angst, nǒt, scharpfhait und bitterkait verdienet daz ewig leben! [4] Won wenne ich beslússe under min brúste daz veselin der mirren dines scharpfen lidens und sorgklichen durchechtungen, die du geliten hest, was vermag ich dir dawider getuͦn zuͦ ainer widerlegunge? [5] Won von kinthait uf in aller diner jugent so hest du ane zale vil lidens gehebt mit allerhand arbait, mit gon, mit ston, mit hertem ligen, mit vil wachen und vil betten und vasten, mit | (185rb) bredigen, mit lernen, mit zaichen tuͦn, mit vil wainen und mit vil mitliden und erbermde, mit unluste valscher bruͦder, mit verspotten und hassen, mit vil straichen und herten slegen und vil ander wise, die den gelich sind, damit du mir genuhtesamcklich verdienen woltest daz ewig hail. [6] Ǒch sprichet Anshelmus in dem buͦch, warumb got mensche ist worden: Es muͦst sin, alz der mensche mit ungehorsami den ewigen tode verdienet het, darinne alles menschelich kúnne verviele, daz der mensche únser herre Jhesus Cristus mit siner gehorsame allem menschelichem geslehte widerumb verdient daz ewig leben; [7] und alz ain frowe waz ain ursach der súnde únser verdampnúste, daz ǒch also ain andere frǒwe wurde ain beginerin und ain anfang únsers hailes, von der únser erloͤser Jhesus Cristus wolt geboren werden; [8] und alz | (185va) der boͤse gaist mit der suͤssekait dez holczes den menschen betrǒge, also solt der boͤse gaist mit der scharpfhait des fronen crúczes úberwunden werden, daz der herre Jhesus Cristus úns damit groͤsklichen verdienet het, daz er verkuͦft wart, mit kusse verratten wart, willeklich gevangen und hert gebunden wart und den vier rihtern Annas, Kaiphas, Herode und Pilato geantwurtet wart, vor den vier rihtern mit boͤsser gezúgnúst geruͤget wart, mit gaislen, mit ruͦten, mit straichen, mit verbundem antlút unfuͦrlich gehandlet wart, gekroͤnet, gecrúczet und durchnegelt wart und zwischent zwen schacher gehenket wart, mit gallen und mit essich getrenket wart und darnach sin sele von dem libe getailet wart und sin site durchstochen wart. [9] Dis alles waz úns ain herlich verdienen und machet úns alle únser guͦte werke lǒnber und únser leben lebendig, alz | (185vb) úns die maister lerent in goͤtlicher kunst.


8

[1] Davon sprichet Rabanus in dem buͦch von dem lobe únsers herren Jhesu Cristi liden: Daz liden únsers herren het den himel uffenhalten, die helle kraftlose gemachet, die welte usgerihtet, die engel bestetiget, daz volke erloͤset, die viend vertriben, die blibenden gestendig gemachet, die sinnigen empfintlich gemachet, die vernúnftigen durchlúhtet, die súndigen von irem sorgsamen leben erloͤset, die getrúwen von pine erloͤset. [2] Und mit allen tugenden het únser herre Jhesus durch sin liden alle sin erwelten úber die mase erfroͤwet. [3] Noch het úns únser herre Jhesus Cristus gar manigvalteklich verdienet mit sinem fruͦhtberen scharpfen, herten liden, des du, minende sele, niemer vergessen solt. [4] Sunder daz der kúnig aller der welte hieng an dem crúcz mit vergoͤtteter minen, mit guͤtiger sel, mit verwundentem herczen und | (186ra) libe, daran kain gancze stat was, mit zerflossem und durchrunnem bluͦte, mit trurigem súfczen und klaglichen achczen und we, mit betruͤpten sinnen, mit riderend en gelidern, mit zerspannen armen, mit zerzogenen und zertunsenen adren, mit schriendem munde, mit haiser stimme, mit blaichem antlút, mit verkerter varwe, mit wainenden ǒgen, mit verruͦpftem hare und barte, mit liebloser kelen, mit durstiger begirde, mit erschrokner natur und daz er in armuͦt und in demuͤtekeit, in gehorsame und in minne und in naigung sines hoptes sinem ewigen vatter emphfalh sinen gaist und damit verschied, daz er mit sinem tode besliessen wolt alles únser unnúczber verdienen. [5] Es hat únser herre got in der geschepfde, do er himelrich und ertrich machet, nie arbait und vermuͤde gewunnen, alz er tusendveltig arbait gehept het in ún| (186rb) ser erloͤsunge, sprichet Bernhardus úber der minne buͦch. [6] Und do úns wishait, gerehtekait und hailikait gebraste, daz wir nút ewigen lone verdienen mohtent, daz het er mit sinem liden alles widerbrǎht.


9

[1] Es sprichet ǒch Johannes Crisostomus der guldin munt in ainer omelie: Únser herre Jhesus Cristus het den tode geliten darumb, daz er úns unsterbenlichen machet und zuͦfuͤget daz ewig leben. [2] In het gehungert darumb, daz er úns mit sinem hailigen fronlichem spiste. [3] In het gedúrstet darumb, daz er úns mit sinem bluͦt trankte. [4] Er rait uf ainem esel darumb, daz er úns úber die engel saczte. [5] Er wart getuͤffet darumb, daz er úns mit dem tuͦffe alle súnde ab wuͤsche. [6] Er wart hart geslagen darumb, daz er úns knehtlichen dienste erlidegete und erfrigte. [7] Er ist worden ain wege darumb, daz er úns aller arbait erlies. [8] Er ist ain mensche genant darumb, daz wir | (186va) goͤtter wurden gehaissen. [9] Er ist ains menschen sun gehaissen und ains menschen sun wurden darumb, daz wir gottes kinder wurden. [10] Er het gebettet darumb, daz er úns machte got getrúwe ze belibend. [11] Also het úns got alle sine werke gekeret in únsern nucze. [12] Daz sprichet der, merke es wol, und sprichet es mit im Augustinus und Jeronimus. [13] Es ist núcz alz swere in lone verdienen, es werde dem menschen lihte ze volbringen, der daz liden únsers herren Jhesu Cristi tieffe betrahtet mit ernst und andǎht, sprichet Gregorius in ainer omelie. [14] Hete úns únser herre Jhesus Cristus mit saltze erloͤset, noch denne werent wir im schuldig aller dankberkait. [15] Nun het er úns erloͤset mit sinem libe und sele und het úns damit soͤlicher wise verdienet, daz daz nieman gescheczen kan. [16] Won mit sinem libe het er úns verdienet ledegunge von den banden | (186vb) der súnden, aber mit siner sele het er úns verdienet offenunge des ewigen himelriches. [17] Von dem sprichet Augustinus an ainer bredige: Er het úns geruͤffet in sinem verdienen von vinsterunge in daz liehte, vom tod in daz leben, von zerstoͤrung in genczunge, von dem ellend in daz vatterlant, von truren in froͤde, von dem ertrich in daz himelrich. [18] Daz sprichet der.


10

[1] Darnach lere ich ain und zwainczigoster alte dich, minende sel, daz reht verdienen nit anders ist denne guͦter werke gewissenhait, ze gewinnende daz, des man nit het, oder noch rehter ze gewinnen daz, daz man het; oder daz von ainer billichait ain groͤsser und beser billichait verdienet och daz werke. [2] Verdienen wil alle zit guͦt und gereht wúrken hǎn in slehter beschaidenhait und geordenetter wise in daz ende der ewigen goͤtlichen gabe, sprichet Augustinus in dem buͦch von der bichte. | (187ra)


11

[1] Es ist ain verdienen zimelicher wise, die dem menschen schikent und fuͤgent gnade ze enpfahent, alz wenn der mensch tuͦt alles sin vermúgent, wie er sich huͤte vor allen súnden, und ursach der súnden miden und fliehen, alz vil er mag, und sich endlich flisset guͦtter werke, alz vil im von nature muglich ist. [2] Und daz verdienen ist ain gnade, die got kainem menschen verzihen wil. [3] Ǒch ungeloͤbige menschen múgent daz verdienen wol hǎn, aber nút ze ainem ewigen lone, allain ze zitlichen guͦtete und zuͦ ainergewonhait guͦtter werke, alz Hugo sprichet in dem buͦche von den sacramenten. [4] Und doch, wa got guͦt nature schikunge vindet an dem menschen, da git er sin gnade zuͦ und machet si zuͦ ainer volkomenhait. [5] Won die ruͦffunge gottes, die fúrkumet alles únser verdienen und vindet den menschen nit verdienens wirdig, | (187rb) es machet in aber wirdig, sprichet Cassiodorus úber den salter. [6] Won kain guͦt werke ist dem menschen von blosser nature lonber, bis er verainet wert mit goͤtlicher gnade, sprichet Augustinus von dem frigen willen.


12

[1] Es ist ǒch ain verdienen wirdiger wise, und daz ist ain zimlich und billich nachvolgen der guͦten werke, damit man verdienet goͤtlich und ewig widerlegunge, die der mensche in got sol niessen, alz er verdienet het uf erde und doch zuͦ ewigem lone nússet und nuczet nach dem aller besten. [2] Und darumb solt du wissen, daz nieman ewigen lone verdienen mag mit kainerlayge guͦtten werken, er si denne in gnaden und in minne, alz dich, minende sele, der achtend und der núnde alten, min gesellen, vor mir vernúnfteklich geleret hond. [3] Won alle guͦte werke sind unverfangen ze nuczberem verdienem und lǒne, die da nút | (187va) gewúrczet sind in gnade und minne, sprichet die glǒse úber den salter. [4] Es muͤssent ǒch alle verdienten werke geschechen in minne, won waz ǎne mine geschiht, daz ist unfruhtber und verdienet kainen lone. [5] Es muͦs ǒch geschehen us minne darumb, daz es sich ziehe in ain guͦt ende, und ǒch daz die persone, die daz verdienet werke wúrket, got wol gevalle, alz Abels opfer got wol geviel fúr Cayms opfer. [6] Du solt es nút scheczen fúr ain klain súnde, ob du den menschen scheczen wilt nach sinem súntlichen antlúte und nit in urtailen wilt nach der minne und persone, darinne er got dienet, nach der minne und persone, und im selber verdienet ewigen lone, sprichet Bernhardus an dem buͦche der bruͤfunge.


13

[1] Es kan noch mag nieman ain verdiener sin guͦtes verdienen denne mit sinem lidigen frigen willen. [2] Wenne der wille guͦt ist und in siner guͦtete volbraht | (187vb) wirt in guͦten lobelichen werken, so verdienet er widerlegunge gottes und des ewigen lones, sprichet Hugo von den súben sacramenten und mit im Bernhardus von dem frigen willen. [3] Es sprichet Gregorius in siner buͦcher ainem: Guͦte werke mit frigem willem haischent ǎne underlǎss in den oren gottes iren verdienten lone. [4] Und darumb solt du, minende sele, niemer ab gelǒn ze verdienen, so lǎt got niemer ab ze lonende. [5] 'Der aber wenig seyget, der vindet wenig fruhte', sprichet santus Paulus in siner epistel ainer. [6] Von der marterie leret dich gar wol der fúnfczehende alte, wie du dich in allen guͦten werken uͤben solt, damit du ain reht verdienen bejagen maht.


14

[1] Ǎne guͦt mainunge mag nieman verdienen, won gnad und minne, friger wille und guͦte werke | (188ra) beschliessent sich in ainer goͤtliche n, rainen und wol geordenetten nature. [2] Won es sprichet Augustinus: Waz du nit tuͦst in guͦtter mainunge, daz ist dir unverfangen. [3] Ain guͦte mainunge misset alles verdienen dez lǒnes. [4] Es sprichet Crisostomus der guldin munt: Verdienen lit an rehter und endlicher dankberkait, in andǎht und in ernst, ǎne die got nieman wol gevallen mag.


15

[1] Verdienen lit ǒch an ainem saͤiligen wandel und an ainer guͦten hailigen bildunge. [2] Won es sprichet Augustinus in dem buͦch von der cristenlicher lere, daz nút bessers ist ainem wisen cristan menschen ze lone verdienen, denn daz er also wúrke mit guͦtem erczoͤgen, so es der cristenhait fuͦglich sige ze ainer lere und wisunge. [3] Es sprichet Richardus: Es ist zemal guͦt ze verdienent got ǎne underlǎssen, mit allem flisse suͦchen nach allem sinem lobe, und wenne man in vindet, | (188rb) daz man in mit geluste und mit begirde in sele und in allem gemuͤte vaste lege und in darin behalt e. [4] Damit verdienet man, waz ieman begeret und betrahten mag. [5] Es ist ain gemain lere aller goͤtlicher lerer, daz alle die werke, die us geuͤbten tugenden fliessent und in gnad und in mine geformet sind, die sind alle verdienig ewig leben und ewigen lǒne. [6] Won es sprichet Cassiodorus úber den salter, daz alle menschlichen werke haischent iren lone in ze gebent, also daz si mit arbait volbraht hond, daz si darumb mit kúnftiger zuͦversiht getroͤstet werden. [7] Won in den loblichen werken únsers herren gottes ist got lǒne und die widerlegunge selber alain, also er in der uͤbunge hilfe und wúrken alain gewessen ist. [8] Waz mag in zit seiliger gesin, denne daz sich der mensche in verdieneten werken uͤbende ist, | (188va) daz er in kúnftiger sailikeit eweklich besiczen und geniessen mag?


16

[1] Alles, daz nút bescheidenhait het und nút frigen willen nuczet, daz mag kain lone verdienen, und darumb so mugent kint und slǎffent lúte und unsinnig nút verdiener sin. [2] Won in der ledekait des frigen willen und in ganczer begirde dez menschen stat alles verdienen, sprichet Hugo in dem buͦch von den súben sacramenten und mit im Bernhardus von dem frigen willen. [3] Es sprichet ǒch Augustinus in dem buͦch von der bihte also: Es enmag ǒch nieman genoͤtet noch bezwungen ain verdiener werden, won es mag nieman ungern guͦte werke wúrken. [4] Sind ǒch die werke ytel guͦt und geschehent si in genoͤtter und bezwunger wise, so sind si doch unferfangen. [5] Es enhǎt ǒch nieman kainen lone von got, der mit unlust und mit unwillen, mit widerwartigen dingen guͦt werke tuͦt. | (188vb) [6] Ist aber daz werke mit willen und minne volbrǎht, so widerleit es got mit im selber, sprichet die glǒse úber sant Paulus epistel ainer. [7] Es sprichet ǒch Gregorius in dem buͦch von den sitten: Die verdienten guͦten werke, die wir tuͦnt, die sind gottes und únser. [8] Si sind gottes, darumb daz er úns mit sinen gnaden darinne hilfet. [9] Si sind ǒch únser, darumb daz wir únsern willen und flisse und arbait darzuͦ tuͦnd und gebend. [10] Daz si aber gottes sind, des hond wir im ze danken. [11] Daz aber si únser sind, des wil er úns lonen. [12] Es sprichet Gregorius úber sant Lucas ewangelium: Got ist allen verdienten werken ain anvange, ain mitel und ain ende, ain huͤtter und ain starke kraft, und darumb so lonet er allen verdienten werken und buͤsset alle boͤse werke.


17

[1] Ich ain und zwainczigoster alte | (189ra) lǎn dich, minende sel, wissen endlich, waz du verdienen maht mit dinen guͦten werken, und daz dir dester ernster si ze verdienen mit guͦten werken daz ewig leben und merunge der gnaden und zuͦnemen der minne und ablassung pene und fegfúre. [2] Won es sprichet Gregorius in dem buͦch von den sitten, daz got alain den gerehten lone git in himelrich. [3] Die da in minne verdienet hand uf erden, alz den demuͤtigen, den kúschen, den gedultigen, den guͤtigen, den fridlichen, den erbarmherczigen, und waz dem gelich ist, git er ewig froͤde, daz der verdiener got erkennet, got siehet und schǒwet und in nuczet und nússet eweklich alz ain volriches benuͤgen alles wol gelustes; und alz der mensche ie mer und mer verdienet het, alz er in ewekeit got ie inneklicher nússet und empfindet. [4] Dem gelich sprichet Jeronimus in | (189rb) ainer epistel: Es ist ain grǒsser frevel, daz die gebornen menschen uf erden nút suͦchent mit tugenden in himelrich ze besiczen, daz doch nieman von blosser nature mag erlangen.


18

[1] Wilt du gar vil verdienen, so lege alle din zuͦversiht in den alain, der dich alain behalten mag, und der alles din verdienen kreftig gemachet het, sprichet Bernhardus úber der minne buͦch. [2] Won daz verdienen bestetiget dich in tugent, meret dir dinen lone und nimet dir din súnde ab und behuͤtet dich vor súnden und machet dich snelle zuͦ allen guͦten werken und beschirmet dich vor des boͤsen gaistes bekorungen und machet dich tailhaftig aller guͦter werken der hailigen cristenhait. [3] Es sprichet Cassiodorus in ainer epistel: Alle ding kument dir zuͦ mainigvaltigem nucze, wenne du ain | (189va) verdiener bist nach gottes willen, es mag ǒch kain verdiener alz vil verdienen ǎne ende und ǎne zale. [4] Won es sprechent die maister in goͤtlicher lere: Also die widerlegung gottes ǎne ende und ǎne zile ist, also ist ǒch daz verdienen ǎne end und ǎne zile, won si hand gelich ebenhoͤhe zesamen.


19

[1] Ain ieglicher verdiener verdienet an ainem ieglichen guͦten werke zwen loͤne. [2] Ain in zit, der úns in der arbait sterket, also so daz wir dester getúrstiger und dest keker und sterker werdent lone ze verdienen, alz Bernhardus sprichet. [3] Der ander lone ist in dem vatterland des ewigen himelrichs, da úns alle únser arbait hundertfaltigklich gelonet wirt, alz únser herre Jhesus Cristus in dem ewangelio sprichet. [4] Und sprichet ǒch Bernhardus in dem buͦch siner betrahtunge, daz der lǒnne der hailigen in dem vatterland des ewigen riches ist got sehen, mit got | (189vb) leben, us got troste empfahen, in got wesenhait hǒn, got umbvahen alz daz hoͤste guͦt und mit im eweklich ains beliben. [5] Es sprichet ǒch Cassiodorus úber den salter: Ain ieglich gab geber git ǒch sich selber mit enander dem verdiener, und daz ist daz aller beste, daz ieman betrahten mag.


20

[1] Sind zway menschen in goͤtlicher minne, und bittet ains fúr daz ander in rehter gaistlicher mainung, so mag ir ietweders dem andern lǒne und gabe und gnade erwerben und verdienen. [2] Won in himelrich so froͤwet sich ain sailiges dez ander guͦtet e, also ist ǒch gemainsamkait gúter werke under den sailigen uf erden, alz sant Judas , der hailig zwoͤlf botte seit an dem ainlften stuke des glǒben. [3] Es sprichet ǒch David in dem salter: 'Ich bin tailhaftig aller der guͦtetet, | (190ra) die geschehent von den, die dich, herre, fúrhtent.' [4] Es sprichet Richardus in siner lere: Alz vil du menschen minnest von minne in dinem verdienen, alz vil me hest du lones umb din verdienen und nút dester minder, won die minne, darin du vil menschen empfahest, ist dir ain núwer lone verdienen, und ǒch in merunge aller widerlegunge der ewigen guͤnlichait und glorie. [5] Es sprichet ǒch Thomas von brediger orden: Du hest ǒch nút dester minder verdienens guͦttes, ob du dine guͦte werke mainest den toten ze ainer hilflichait mit tailen, won damit wachset din verdienen und werdent den selen fegfúr damit gelichtert und gekúrczet und ǒch etwenne zemal ab genumen, darumb daz dir got die minne damit widerleget, die du hest zuͦ der behaltunge der selen. [6] Alles himelsche her froͤwet sich dins verdienens, dar| (190rb) umb daz von irem zuͦvalle der lone und froͤde gemeret damit wirt und engelscher val dester belder erseczet. [7] Dis haltet Augustinus und alle lerer mit im.


21

[1] Die werke, die ǎne alle minne geschehent, die sind nút verdiente werke nach ewigem lone, wie guͦt si ǒch sind nach sinne und in wúrken. [2] Doch so sol man si darumb nút underwegen lone, won bringent si doch núczet, so bringent si doch zitlichen nucze, won guͦte werke ǎne minne bringent schikunge dez herczen zuͦ gnade empfahen und minrunge der pene, die man dazwischent verschulden moͤhte. [3] Und solich guͦte werke gebent zitlichem nucze und irrent den menschen vor boͤsem muͤssiggǎn und bringet den menschen in ain gewonhait guͦtter werke und uͤbung und machet daz gemuͤte lustig; und naigung ze súnden | (190va) straffent sú und verswellent den flus der súnd. [4] Dis allez sind zitlich núcze, die da koment von den guͦten werken, die da geschehent ǎne alle minne. [5] Won es sprichet Jeronimus úber den propheten Aggean, daz got alz gar gereht ist, wie wol daz si, daz guͦte werke ǎne minne geschehent und ǒch in súnden, so lonet er si nút eweklich, so lonet er si aber zitlich. [6] Daz sprichet der.


22

[1] Du, minende sel, solt vast ze herczen legen und in din gemuͤte druken, daz únser herre Jhesus Cristus ainem ieglichen menschen verdienen moͤhte, won er het úns verdienet ablassunge, guͤnlichait, gnad, minne, urstende des flaisches, entsliessunge des himelriches, lone geben in ewekait. [2] Daz allez nieman uf erden noch in himelrich waz muglich ze verdienen denne gottes sun, in dem der vatter von himelrich gewúrczet het alles únser verdienen. [3] Darumb sient wir unmehtig von úns sel| (190vb) ben in ze loben umb slich unmessig guͦt und unwirdig im ze danken umb daz verdienen, daz úns gottes sun verdienet het. [4] Davon sprichet Crisostomus der guldin munt: Erfulten wir alle tugende uf daz aller hoͤste, daz wer noch denne núczet wider guͦtete, die wir von got empfangen und empfunden hǎnd. [5] Daz seit er in dem buͦch von dem rúwigen herczen. [6] Es sprichet ǒch Bernhardus úber der mine buͦch: Es ist vil menschen, die mit got gern woͤlten richsen und wellent es aber umb got nút verdienen. [7] Si woͤltent got gern ǎne arbait vinden und wellent in aber mit arbait nút suͦchen. [8] Sú woͤltent im gern nach hengen, aber mit uͤbunge wellent si im nút volgen. [9] Die aber reht verdiener wellent sin, sprichet Crisostomus der guldin munt in ainer omelie, die súllent cristan glǒben sterklich erfúllen und gerehtekait vesteklich | (191ra) halten und alle tugend endelichen uͤben und alle untugent verdampnen und alle súnde vertriben und sich in allem sinem leben erzoͤgen vor den lúten lieplich in ainem guͦtten bilde also, daz si nieman geergert werd.


23

[1] Dis lere halte von mir ain und zwainczigosten alten, du minende sele, und verdienenst du daz also, so maht du den guldin trǒn dester bas gezieren mit miner lere.


Zitierhinweis

Der einundzwanzigste Alte. In: Otto von Passau digital, hg. im Auftrag der Berlin-Brandenburgischen Akademie der Wissenschaften von Lydia Wegener, Elke Zinsmeister, Jens Haustein und Martin Schubert (2018-2022). Berlin. 03.03.2023

URL: https://otto-von-passau.de/chapter-detail.html?id=O6411864. Abgerufen am: 20.04.2024.